Ratgeber

Sturzprophylaxe zu Hause: 14-Punkte-Checkliste nach dem Sturz

Aktualisiert August 2026 · 6 Min. Lesezeit · Quellen am Artikelende
Inhalt dieses Ratgebers
  1. Wege und Boden
  2. Licht
  3. Bad
  4. Schlafzimmer
  5. Schuhe und Kleidung
  6. Kraft und Balance
  7. Hilfsmittel
  8. Notfallplan
  9. Wer zahlt? Zuschüsse für die sichere Wohnung
  10. Quellen
  11. Zahlt die Kasse? Der Schnell-Check

Wenn Ihre Mutter oder Ihr Vater zum ersten Mal gestürzt ist, ist der Schreck groß – bei Ihnen vielleicht mehr noch als bei Ihren Eltern. Wichtig ist jetzt zweierlei: Handeln, aber ohne Panik. Ein Sturz ist ein Warnsignal, kein Schicksal. Fast ein Viertel der Menschen über 65 stürzt mindestens einmal im Jahr – und viele dieser Stürze wären vermeidbar, weil sie in der eigenen Wohnung passieren: an der Teppichkante, auf dem nächtlichen Weg zum Bad, in der Dusche.

Die gute Nachricht: Sie müssen das nicht allein herausfinden. Die folgende 14-Punkte-Checkliste führt Sie systematisch durch die Wohnung – vom Flur bis zum Notfallplan. Vieles davon kostet wenig oder nichts und ist an einem Wochenende erledigt. Für größere Umbauten gibt es Geld von der Pflegekasse; dazu am Ende mehr.

Wichtig zu wissen: Nach einem Sturz entwickeln viele ältere Menschen Angst vor dem nächsten – und bewegen sich deshalb weniger. Genau das schwächt Muskeln und Gleichgewicht weiter und erhöht das Risiko zusätzlich. Ziel der folgenden Punkte ist deshalb nicht, Ihre Eltern in Watte zu packen, sondern ihnen sicheres Bewegen zu ermöglichen.

Zwei Hinweise vorweg: Lassen Sie den Sturz selbst ärztlich abklären, auch wenn nichts gebrochen ist – hinter Stürzen stecken oft behandelbare Ursachen (mehr dazu in Punkt 11 und 12). Und gehen Sie die Liste gemeinsam mit Ihren Eltern durch, Raum für Raum: Es ist deren Wohnung, und Veränderungen, die über den Kopf hinweg entschieden werden, werden erfahrungsgemäß rückgängig gemacht. Die Punkte 1 bis 5 kosten fast nichts und sind sofort umsetzbar; Bad und Schlafzimmer folgen in der ersten Woche, Training und Arzttermine laufen parallel an.

Wege und Boden

1. Teppichkanten und Läufer sichern

Lose Läufer, Bettvorleger und hochstehende Teppichkanten sind Stolperfalle Nummer eins. Entfernen Sie Läufer, die nicht zwingend gebraucht werden, und sichern Sie den Rest mit rutschhemmender Unterlage oder doppelseitigem Antirutschband. Ein hochgebogener Teppichrand gehört geklebt oder der Teppich ersetzt.

2. Kabel und Kleinkram aus den Laufwegen

Verlängerungskabel quer durchs Zimmer, Zeitungsstapel neben dem Sessel, die Handtasche auf dem Boden: Alles, was im Laufweg liegt, muss weg. Kabel an der Wand entlang führen oder mit Kabelkanälen befestigen. Prüfen Sie besonders die Strecke Bett–Bad und Sessel–Küche, die am häufigsten gegangen wird.

3. Türschwellen entschärfen

Schwellen zwischen den Zimmern sind mit Rollator oder schlurfendem Gang tückisch. Kleine Schwellen lassen sich mit Mini-Rampen aus dem Baumarkt ausgleichen; der Abbau von Schwellen zählt zu den umbaubaren Maßnahmen, die die Pflegekasse bezuschussen kann (siehe Zuschuss-Box am Ende).

Licht

4. Nachtlicht vom Schlafzimmer bis zum Bad

Die meisten nächtlichen Stürze passieren auf dem Weg zur Toilette. Steckdosen-Nachtlichter mit Dämmerungssensor kosten wenige Euro und beleuchten die gesamte Strecke Schlafzimmer–Flur–Bad, ohne dass jemand einen Schalter suchen muss.

5. Bewegungsmelder und erreichbare Schalter

Prüfen Sie: Lässt sich das Licht in jedem Raum direkt an der Tür einschalten – und vom Bett aus? Bewegungsmelder-Leuchten im Flur und eine gut erreichbare Nachttischlampe schließen die Lücken. Ersetzen Sie schwache Glühbirnen; ältere Augen brauchen deutlich mehr Licht. Denken Sie auch an die Treppe: Licht muss an beiden Enden schaltbar sein, Handläufe gehören möglichst beidseitig angebracht, und eine kontrastreiche Markierung der ersten und letzten Stufe beugt Fehltritten vor.

Bad

6. Haltegriffe an Dusche, Wanne und WC

Der Moment des Ein- und Aussteigens ist der gefährlichste im ganzen Bad. Fest montierte Haltegriffe geben sicheren Halt; für Mietwohnungen gibt es geprüfte Systeme ohne Bohren. Wichtig zu wissen: Einfache Saughaltegriffe haften nur auf glatten, porenfreien Flächen und dürfen nie als alleinige Sicherung für das volle Körpergewicht dienen. Achten Sie beim Kauf auf ein TÜV- oder GS-Zeichen – das steht für eine unabhängige Prüfung, während CE lediglich eine Selbsterklärung des Herstellers ist. Welche Lösung wann passt, zeigt unser Vergleich Haltegriffe fürs Bad ohne Bohren.

7. Rutschhemmende Matte in Dusche und Wanne

Nasse Emaille und Fliesen sind glatt wie Eis. Eine rutschhemmende Matte oder selbstklebende Anti-Rutsch-Streifen in Dusche und Wanne kosten unter 20 € und wirken sofort. Auch vor der Wanne gehört eine rutschfeste Unterlage – kein loser Badvorleger.

8. Duschhocker für sicheres Duschen im Sitzen

Wer beim Duschen unsicher steht oder die Augen beim Haarewaschen schließt, sitzt besser: Ein höhenverstellbarer Duschhocker nimmt die Balance-Aufgabe aus der Gleichung. Mit ärztlicher Verordnung sind Duschhilfen als Hilfsmittel der Krankenkasse möglich (Zuzahlung in der Regel 5–10 €).

Schlafzimmer

9. Betthöhe und Aufstehhilfe prüfen

Testen Sie: Kann Ihre Mutter mit beiden Füßen flach auf dem Boden sitzen und ohne Schwung aufstehen? Ist das Bett zu niedrig, helfen Bettererhöhungen oder ein neuer Lattenrost; eine Bettaufstehhilfe (Haltegriff am Bettrahmen) gibt Halt beim Hochkommen. Nachts gilt: erst aufsetzen, einen Moment sitzen bleiben, dann aufstehen – das beugt Schwindel durch Kreislaufabfall vor.

Schuhe und Kleidung

10. Feste Hausschuhe statt Socken

Socken auf glattem Boden, ausgelatschte Pantoffeln ohne Fersenhalt und zu lange Hosen und Röcke sind unterschätzte Sturzursachen. Die sichere Wahl: geschlossene Hausschuhe mit fester, rutschhemmender Sohle und Fersenhalt, die ohne Bücken angezogen werden können. Kleidung so kürzen, dass sie nicht auf dem Boden schleift.

Kraft und Balance

11. Gleichgewicht und Beinkraft trainieren

Der am besten belegte Schutz vor Stürzen steckt nicht in Produkten, sondern in den Beinen: Übungen für Kraft und Gleichgewicht senken das Sturzrisiko nachweislich. Schon einfache Übungen zu Hause helfen – Aufstehen vom Stuhl ohne Abstützen, Einbeinstand mit Festhaltemöglichkeit, Zehenspitzenstand am Küchentisch. Kostenlose, altersgerechte Übungsprogramme bietet das Portal gesund-aktiv-aelter-werden.de (Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit, vormals BZgA); auch Tai-Chi-Kurse und ärztlich verordnete Physiotherapie sind bewährte Wege. Ist die Unsicherheit beim Gehen schon deutlich, sprechen Sie den Hausarzt auf einen Sturzpräventions-Kurs oder Reha-Sport an – solche Gruppenangebote werden vielerorts von den Krankenkassen bezuschusst. Wichtig ist Regelmäßigkeit: lieber täglich zehn Minuten als einmal pro Woche eine Stunde.

12. Medikamente und Sehvermögen ärztlich abklären

Bitten Sie den Hausarzt, die komplette Medikamentenliste einmal auf sturzfördernde Wirkungen durchzusehen – etwa Schlaf- und Beruhigungsmittel oder stark blutdrucksenkende Kombinationen. Setzen Sie nie selbst etwas ab. Ebenso wichtig: ein Termin beim Augenarzt, denn schlechtes Sehen erhöht das Sturzrisiko deutlich. Brille aktuell? Grauer Star abklärungsbedürftig? Wenn trotz Brille das Lesen schwerfällt, finden Sie in unserem Vergleich elektronischer Lupen Hilfen für den Alltag.

Hilfsmittel

13. Rollator auch drinnen nutzen – und Protektoren realistisch einordnen

Wer draußen einen Rollator nutzt, läuft drinnen oft „an den Möbeln entlang” – ein riskantes Muster. Ein leichter Wohnungsrollator kann hier Sicherheit geben; was ihn praktischer macht, zeigt unser Rollator-Zubehör-Überblick. Hüftprotektoren – gepolsterte Hosen für den Fall eines Sturzes – können eine zusätzliche Sicherheitsebene sein. Zur Ehrlichkeit gehört aber: Die Kasse zahlt sie nicht, und eine Schutzwirkung ist für zu Hause bislang kaum belegt. Die nüchterne Einordnung samt Modellvergleich finden Sie im Hüftprotektoren-Vergleich.

Notfallplan

14. Erreichbares Telefon und Hausnotruf

Der zweite Teil der Sicherheit: Wenn doch etwas passiert, darf niemand stundenlang liegen bleiben. Das Telefon gehört in Reichweite von Bett und Sessel – oder als Mobilteil in die Tasche der Strickjacke. Ein Hausnotruf (Funksender am Handgelenk oder als Halskette) alarmiert per Knopfdruck eine Zentrale; mit Pflegegrad übernimmt die Pflegekasse die laufenden Kosten in der Regel ganz oder größtenteils. Vereinbaren Sie zusätzlich feste Anrufzeiten – auch das ist ein Sicherheitsnetz. Und üben Sie gemeinsam, wie man nach einem Sturz sicher wieder hochkommt: über die Seitenlage auf alle Viere, dann an einem stabilen Möbelstück abstützen. Das nimmt Angst und verhindert langes Liegen; bebilderte Anleitungen dazu enthalten die kostenlosen Broschüren des Portals gesund-aktiv-aelter-werden.de.

Profi-Blick gratis dazu: Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten bieten Hausbesuche an und erkennen Sturzgefahren, die Angehörigen entgehen – auf ärztliche Verordnung übernimmt die Kasse die Kosten. Auch viele Pflegestützpunkte und Pflegekassen beraten kostenlos zur Wohnungsanpassung.

Wer zahlt? Zuschüsse für die sichere Wohnung

Wohnumfeld-Zuschuss der Pflegekasse: Ab Pflegegrad 1 zahlt die Pflegekasse für wohnumfeldverbessernde Maßnahmen – fest montierte Haltegriffe, Schwellenabbau, bodengleiche Dusche – bis zu 4.180 € je Maßnahme (§ 40 Abs. 4 SGB XI). Mehrere Verbesserungen, die zeitgleich nötig sind, gelten dabei als eine Maßnahme. Wichtig: den Antrag vor dem Umbau stellen. Ob und wie viel Ihnen zusteht, prüfen Sie in zwei Minuten mit unserem Zuschuss-Rechner.
PflegeBox-Tipp: Hat Ihre Angehörige einen Pflegegrad (1 bis 5) und wird zu Hause gepflegt, stehen ihr monatlich 42 € für Pflegehilfsmittel zum Verbrauch zu – Einmalhandschuhe, Desinfektionsmittel, Bettschutzeinlagen – ganz ohne ärztliche Verordnung. Wie Sie den Anspruch mit wenigen Klicks nutzen, lesen Sie im Ratgeber kostenlose Pflegehilfsmittel.

Quellen

Häufige Fragen

Was gehört zur Sturzprophylaxe zu Hause?
Vier Bereiche: Stolperfallen beseitigen (Teppichkanten, Kabel, Schwellen), gute Beleuchtung besonders nachts, Sicherheit in Bad und Schlafzimmer (Haltegriffe, Betthöhe) sowie Kraft- und Balancetraining. Ergänzend sollten Medikamente und Sehvermögen ärztlich überprüft werden.
Was sollte man nach dem ersten Sturz eines Elternteils tun?
Erstens den Sturz ärztlich abklären lassen – auch ohne sichtbare Verletzung, denn oft stecken Ursachen wie Medikamente, Kreislauf oder Sehprobleme dahinter. Zweitens die Wohnung systematisch entschärfen. Drittens einen Notfallplan festlegen: erreichbares Telefon, gegebenenfalls Hausnotruf.
Wer bezahlt Umbauten zur Sturzprävention?
Ab Pflegegrad 1 zahlt die Pflegekasse für wohnumfeldverbessernde Maßnahmen – etwa fest montierte Haltegriffe, Schwellenabbau oder einen Badumbau – bis zu 4.180 € je Maßnahme (§ 40 Abs. 4 SGB XI). Wichtig: Der Antrag muss vor dem Umbau gestellt werden.
Welche Übungen beugen Stürzen vor?
Am besten belegt sind Übungen, die Gleichgewicht und Beinkraft trainieren – zum Beispiel Aufstehen vom Stuhl ohne Abstützen, Stand auf einem Bein mit Festhaltemöglichkeit oder Tai Chi. Kostenlose Übungsprogramme für zu Hause bietet das Portal gesund-aktiv-aelter-werden.de des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit.

Wichtiger Hinweis: Dieser Beitrag informiert allgemein und ersetzt keine ärztliche oder pflegefachliche Beratung. Ob ein Hilfsmittel im Einzelfall geeignet ist, besprechen Sie am besten mit Hausarztpraxis, Pflegefachkraft oder einer Pflegeberatung nach § 7a SGB XI — die Beratung ist kostenlos.

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